Vorwort

Es gehorchen aber die Sänger den Zeichen

Hölderlins Gedichte, so heißt es, seien schwer zu deuten, seine Verse sind oft seltsam, seine Worte und Gedanken (fast) immer mit vielfacher Bedeutung behaftet und sonderbar anders angeordnet und verschachtelt.

Wer diese Texte liest, hat seine/ihre eigene Lesezeit fürs Nachdenken, Nachspüren oder sogar Nachschauen, Nachfragen, Nachsinnen.
Wird aber gesprochen und zugehört, rauscht alles unaufhaltsam weiter vorwärts, wie Wasser in Brunnen oder Quell. Wer nachdenkt, verpasst die nächsten Worte, wer sich nach einer Zeit ohne Sprache sehnt, wird enttäuscht.
Hört zu! Schaut auf!
Vergesst die Deutung. lasst Augen und Ohren sprechen.
Wer es schafft, diesen „Erklärungsnotstand“ auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, die und der gewinnt viel.


Im Wort „anwesend“ klingt nämlich das Wort „Wesen“, im Wort „Gegenwart“ das Wort „warten“, im Wort „unerhört“ das „Hören“, in „mitteilen“ das „Teilen“, entdecken meint auch die Decke wegziehen, „irr“ ist irren, verirren und irre sein, ein Klirren, die Wirren usw. Die Beispiele sind unendlich. Hölderlin komponiert diese vielschichtigen und gleichzeitigen Bedeutungen, Begriffe, Klang, Rhythmus und Assoziation (Verweis, Deutung) wie eine Fuge. Dieses rhythmisch-klangliche Spielen auf mehreren Ebenen aktiviert die geistigen Verbindungswege. Es entsteht etwas, es erscheint von selbst, ohne zu Denken. Je entspannter ihr seid, je weniger ihr glaubt, etwas zu müssen, desto größer wird das Kopf-Kino.

Noch etwas: wenn ihr euch so einstimmt, hört jeder und jede Eigenes, versteht Persönliches, begreift sich in seiner, in ihrer eigenen Welt. Und dahin deuten diese Texte, dahin geht die Reise. Wenn das gelingt, und es gelingt mir nicht ohne euch, dann werden wir in höherer Weise beschenkt,

Gleiches gilt für die Bilder und Bewegungen auf der Leinwand. Nicht fragen, warum so und nicht anders, sondern einfach schauen. Und, aber, doch: es ist weder verboten, noch abgeraten, und erst recht nicht anstößig, die Augen zu schließen und nur zu hören. Es ist noch nicht einmal sicher, ob das Nur-Hören ein Weniger bedeutet. Die gesunden Ohren hören nicht weniger, als die hellen Augen sehen.

Hören und sehen, lauschen und schauen, kommt aus dem Äther, der Luft, dem Raum und dem Stoff zwischen Himmel und Erde, unserer Lebenswelt.
Unser Körper entstammt der Erde, unser Geist kommt woanders her.

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