Michael Engelhardt : Hölderlin

Gedichte sprechen ist nun nicht gerade hipp.
Hölderlin ist dabei die Nische in der Nische.

Die Idee mit einer Hölderlin-Rezitation ins Kino zu gehen, und die Klänge dieser Sprache für’s Auge auf die Leinwand zu werfen, ist sowohl unüblich als auch nicht einfach anzukündigen, zu bewerben.
Und dann kam CO2ONA.
Dem Künstler in der Nische brechen alle Standbeine an der Eintrittskasse weg.
Und was geschieht? Die, die nichts haben, beginnen zu teilen.
Es ist und war viel geplant, in diesem Jubiläumsjahr von Ludwig van B. und Friedrich H.

Was bleibet aber stiften die Sänger. Denn dem Marketing entsteht Schaden in der Krise; dem Sänger, der Musik, dem flüchtigen Moment der akustischen Kunst, begegnet diese Lücke als Chance. Denn die Ohren gehen auf in dieser neuen Ruhe. Die Zeit spürt sich anders. Wer in Herrgotts Namen hat am Ostermontag einen Termin?
Statt im Zeise Kino, jetzt zu Hause.
Hölderlin – Sprache: großes Kino!
Eintritt frei Internet, Spenden ans Zeise Kino dringend nötig, erbeten, gewünscht!

von und mit
Michael Engelhardt, gestrandet in Sempach/CH

am
Ostermontag, 13. April 2020 11:30 Uhr
im Livestream unter

HLDRLN.de/stream-kino-hamburg/


Spenden / freiwillige Eintrittsgelder bitte an:

Zeise Hallen Kinobetriebs GmbH
HypoVereinsbank
IBAN: DE 84 2003 0000 0001 1214 82
BIC: HYVEDEMM300






Im Jahr 2020 feiert nicht nur der Komponist (und Musiker) Ludwig van Beethoven Geburtstag, sondern auch der wohl beste Lyriker seiner Zeit, der ebenfalls im Jahre 1770 geborene Friedrich Hölderlin.

Bildmontage: Engelhardt ©© creative commons

Michael Engelhardt widmet sich sich dem Dichter und seiner außergewöhnlichen Sprache in fünf Produktionen; vier Premieren auf dem Lucerne Festival in der Schweiz im August und September, und einer Rezitations-Performance in Deutschlands Arthouse-Kinos ab Februar 2020.

Die Früchte seiner Arbeit präsentiert er auch auf der Jahrestagung der Hölderlin Gesellschaft im Juni 2020 in Lauffen am Neckar, sowie auf dem Literatursommer Baden-Württemberg im September im Rahmen der Reihe „Hölderlin und Hegel – 250 Jahre Sprache und Vision“ in Heidelberg.

Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.

Hölderlin war ein politisch denkender Dichter.
Die französische Revolution hat er nahe erlebt, und, wie die Gedanken der Aufklärung, reflexiv behandelt. Er lebte in einer Zeit der rasend schnellen Veränderung von schon lange Vorbereitetem. Wie ein rollender Eisberg, der das Unterste nach oben bringt.
Insofern ist eine Interpretation dieser Texte heute ebenfalls eine politische Angelegenheit. Wir werden so überladen mit falscher, gebogener, und uneigentlicher Sprache, dass die Begeisterung an sprachlicher Exzellenz, verbunden mit herzlich-reiner Empörung, zur Zeit dringend geboten scheint.

Es gehorchen aber die Sänger den Zeichen

Hölderlin war ein Meister der sprachlichen Tonsetzkunst. Und hier liegt das Geheimnis der Verständlichkeit. Wenn es gelingt, die mannigfaltigen Beziehungen von Bedeutung, Sinn, Plot, Anspielung und mythischer Namen nicht ins Gehirnareal für gespeichertes Wissen zu leiten, sondern, wenn es gelingt, Rhythmus und Klang, sich wiederholende Muster, Eröffnungen und Durcharbeitungen des klang-sprachlichen Materials dergestalt neben, unter oder auf den zu erfassenden semantischen Inhalt zu legen, dass intuitiv, ohne Vorwissen oder Vorbildung ein ästhetisches Sprachgefüge entsteht, das einen Groove bedient und diesen bearbeitet, dann wäre der sprachliche Gesang gelungen.

Hölderlins Zeit im Sprachgestus war dem Erhabenen verpflichtet. Und nicht nur stilistisch, auch inhaltlich suchte er pointierte, neue Mythen. Poetische Narrative. Diese Narrative werden heutzutage von den gutinformierten Spezialisten zu entschlüsseln versucht. Doch: dem Volk ins Lied gehüllt die himmlische Gabe zu reichen, dieses Wagnis ist ein gänzlich anderes Unterfangen.

Hölderlin ist witzig

Provokation, verblüffend wahre Worte, Pointen, heikle Anspielungen, Doppeldeutiges usw. das alles gehört in die Gruppe „witzig“.

Sonst ward der Schwärmer doch ans Kreuz geschlagen,
Jetzt mordet ihn der sanfte kluge Rath.

Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt.

An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.

spitzbübisch schnakisch lächeln, wenn dem Menschen seine kühnsten Hoffnungen erfüllt werden
.

Wo die Natur sehr einfältig,
Wo die Berg erhaben stehn,
Geh ich heim zulezt, haushältig,
Dort nach goldnem Wein zu sehn.