Hölderlin in Sempach

Aus Excellent in Sprache wird De goldig Samschtig.

Aus der ersten Veranstaltung wurde die Reihe geboren. Einmal im Monat, an einem der letzten Samstage, insgesamt 7 Mal im Jahr 2021, liest, spricht, denkt laut und teilt Michael Engelhardt „seinen Hölderlin“ mit seinen Gästen.

Obwohl nur einer spricht, entwickelt sich ein Gespräch. Worte und Gedanken sind nicht
einfach, das Resultat aber doch. Es gibt diesen goldenen Weg, dass durch Sprache der Geist erfasst, dass der Gedanke tief innen begriffen wird. Exakt das ist die poetische Idee und der dichterische Anspruch von Friedrich Hölderlin – und auch von Michael Engelhardt als Sprecher und Moderator.

Unsere Sprache, vor allem die laute aus Werbung und Herrschaft, ist meistens gebogen, ist falsch, will uns etwas einbläuen, beansprucht Objektivität und missachtet oft Verletzbarkeit und Liebe.

Hölderlin und Engelhardt gehen den anderen Weg. Ihre Sprache stärkt das innere Selbst, wird Grundlage für einen gemeinsamen Frieden.

«De goldig Samschtig» für 2021:
26. Juni, 31. Juli, 21. August, 25. September, Oktober, 27. November, 18. Dezember.
Jeweils um 20 Uhr in der Tuchlaube im Rathaus Sempach.

Eintrittspreise nach eigener Wahl 25, 35 oder 50 Franken.
Wer ohne Einkommen ist, darf unbelegte Plätze besetzen und spenden, was er oder sie übrig hat.

Reservationen: 076 74 89 164.

Portrait

Anlässlich des Auftritts am 29. Mai 2021 in der Tuchlaube des Sempacher Rathaus‘ erschien dieser Vorbericht:

Sempacher Woche 27. 05. 2021, Geri Wyss

Michael Engelhardt hat sich ganz den Gedichten Friedrich Hölderlins verschrieben. Wegen Corona ist der Sprachkünstler in Sempach gestrandet. Am Samstag tritt der sprichwörtliche Grenzgänger in seiner Wahlheimat auf.

Es sind die Werke des Deutschen Lyrikers Friedrich Hölderlin, die Michael Engelhardt seit über 40 Jahren faszinieren und umtreiben. Er rezitiert die Gedichte, aber nicht, um sie lediglich in Worten in einer geschwungenen, präzis artikulierten Sprache wiederzugeben. Nein, er vertieft sich darin, um zu ergründen, wie man all die Wucht, die Rhythmik und die Metrik perfektionieren kann. Er will aus den Werken gar eine Klang- und Ausdruckskomponente hervorschöpfen, die der Musik eigen, hingegen der deutschen Sprache eigentlich fremd ist.

In Fachkreisen gilt Michael Engelhardt als innovativster Interpret Hölderlins Werke im deutschsprachigen Raum. Und am Anfang stand eine Frage, die ihn auch fortwährend immerzu antreibt. «Wie spricht man diese Texte?», sagt er gleich selber. Wie bringt man deren Wohlklang und Musikalität vollumfänglich zum Empfänger dieser Kunst?

Lucerne Festival lockte
Man hört Michael Engelhardt schon gerne zu, wenn er von Trivialerem berichtet. Seine Stimme ist recht tief und weist ein warmes Timbre auf. Und in den Genuss seiner ganz eigenen Rezitationen mit wechselnden musikalischen Begleitungen wäre das Publikum des Lucerne Festivals 2020 gekommen. Wäre, hätte im Frühling die Coronapandemie die Lichter in der Kunstwelt nicht ausgemacht. Wohl leise vorahnend, dass das in Mitteleuropa noch verheeren sollte, aber doch fest entschlossen, Hölderlin in Luzern Gewicht zu geben, reiste Michael Engelhardt Anfang März des letzten Jahres zur Vorbereitung nach Sempach. In einem Bed and Breakfast im Städtli hatte er eine Bleibe gefunden. Zu Hause in den Niederlanden sagte er seinem Sohn, dass er für drei Wochen in die Schweiz reise. Wegen Corona könne es aber eventuell auch etwas länger dauern.

Corona macht Schotten dicht
Nun ist er immer noch in Sempach. Denn irgendwann waren die Grenzen zu. Wie viele andere selbstständige Künstler war auch Michael Engelhardt quasi von einem Tag auf den anderen der Einkünfte beraubt. In die Niederlande zurück hätte er gekonnt, wollte aber nicht – dort hätte er eventuell staatliche Hilfen erhalten, aber keine Zukunft für seine Arbeit, die gab es in Luzern und in Süddeutschland –  aber der Übertritt nach Deutschland blieb ihm genauso verwehrt. «Ich hatte das grosse Glück, dass meine Gastwirte mir in dieser entbehrungsreichen Zeit Übergangslösungen in Zwischenräumen anboten », erzählt der 61-Jährige. Denn auch in der Schweiz war und ist er von wirtschaftlicher Hilfe für Kunstschaffende ausgeschlossen. «Troubadoure fallen durch alle Maschen.»

Das Ausloten von Grenzen
Doch Michael Engelhardt ist nicht ein Mensch, der verzagt und dessen Schaffenskraft in Krisenzeiten versiegt. Im Gegenteil: «Ich stürzte mich noch mehr in die Arbeit, vergrub mich in Lektüre über Hölderlin, schrieb an einem eigenen Programm, gründete eine Einzelfirma.» So gesehen sei Corona rückblickend sogar ein Segen gewesen. Seine Bestrebungen, in der Schweiz einem Nomaden ähnlich vorübergehend Fuss zu fassen und arbeiten zu können, mündete schliesslich in den Status «Grenzgänger». «Mit meiner Kunst lote ich ohnehin Grenzen aus, das passt», sagt er lachend. Auch scheute er sich nicht, seine Rezitationen noch ohne feste Engagements einigen Leuten in Sempach probeweise vorzutragen. «Ich bekam zu spüren, dass das, was ich mache, gefiel», hält Engelhardt erfreut fest. «Viele sagten mir, dass sie so etwas noch nie gehört hätten, und das bestärkte mich weiterzumachen.»

Ausgestaltung selber finden
Was zu Ohren drang, war Hölderlins Lyrik in musikalischer Form, Sprache, die im Menschen emotional etwas auszulösen vermag, die Zuhörenden berührt, wie es Lieder tun. Bei der Musik seien Noten vorhanden und Angaben über das Zeitmass und die Ausdrucksweise, wie diese Klänge ausgestaltet werden müssten. «Bei Gedichten hingegen sind solche Anleitungen nicht vorhanden», schneidet Michael Engelhardt eine der Herausforderungen an, die sich ihm stellen. 

Er wusch auch Füsse
Der Deutsche zog sich aber auch in der Pandemie nicht komplett ins stille Kunstkämmerlein zurück. «Ich wollte meiner Gastgeberin, die ein Podologiestudio betreibt, auch etwas zurückgeben.» Also arbeitete der leutselige Sprachkünstler mit, wusch den Kundinnen und Kunden die Füsse, war sich aber auch beispielsweise nicht zu schade im Garten anzupacken. Durch Kontakte mit Sempacherinnen und Sempachern entspann sich allmählich ein kleines Netzwerk, das ihn eines Tages auch mit Stadtpräsident Jürg Aebi bekannt machte.

Sprache als universelles Potenzial
Zu seiner Art von Performance sagt Michael Engelhardt, dass er nicht bloss Hölderlins Gedichte vortragen wolle, gewissermassen als hohe Kunst von oben herab, sondern dem Publikum auch auf Augenhöhe klarmachen wolle, dass jede und jeder einzelne diesen immensen Schatz der Sprache in sich trage und wertschätzen sollte. «Mit sechs bis acht Jahren ist der Mensch durch selbstverständliches permanentes Üben in der Lage, das Werkzeug der sprachlichen und stimmlichen Ausdrucksweise gekonnt und kreativ einzusetzen.» 
Michael Engelhardt ist über viele Jahre durch unentwegtes Forschen, Erkunden, Üben, Hinterfragen und wieder weiter Ausfeilen zu seiner Sprachkunst gelangt, in deren Genuss nun gut 30 Menschen am nächsten Samstag in der Sempacher Tuchlaube kommen können. «Ich lasse bewusst ordentlichen Spielraum zu, und es wird viel Interaktion mit dem Publikum geben», verspricht Engelhardt.

Hölderlin, Excellent in Sprache, von und mit Michael Engelhardt: Samstag, 29. Mai, 20 Uhr, Tuchlaube im Rathaus Sempach. Eintritt frei wählbar 25, 35 oder 50 Franken. Maximal 33 Personen im Publikum erlaubt. Reservationen unter 076 748 91 64. Weitere Infos: www.hldrln.de.