BTHVN – HLDRLN 2020 : Große Fuge | Nachtgesänge

Kozeption: Boris Previšić
Textperformanz: Michael Engelhardt
Arrangement und Projektleitung: Matthias Arter
Musik: pre-art soloists
Koproduktion von pre-art und Lucerne Festival
(hier die aktuelle Broschüre)

Kurztext:

Begegnet sind sich Ludwig van Beethoven und Friedrich Hölderlin, die Jubilare des Jahres 2020, nie. Beide wurden 1770 geboren, beide trieben ihre Kunst im eigentlichen Sinn des Wortes auf die Spitze – Beethoven etwa in seiner Grossen Fuge für Streichquartett, Hölderlin in seinem Gedichtzyklus Nachtgesänge, dem Scheitelpunkt seines Schaffens. In einer «komponierten» Begegnung gewinnen diese beiden Meisterwerke an zusätzlicher Prägnanz: Die Verschränkung von Ton und Wort – die durch die Vierteiligkeit der Grossen Fuge und die triadische Form der Nachtgesänge höchst organisch erscheint – lässt Beethovens musikalische Sprachlichkeit und Hölderlins dichterische Klanglichkeit gegenseitig befruchten. Dank Michael Engelhardts einmaliger Sprachperformanz und Matthias Arters neuer Ensemblefassung der Grossen Fuge verdeutlichen sich Farbenreichtum, Strukturen und Melos. Nichtdestotrotz bleibt jedes der beiden Werke ein «opus ultimum». Beide fordern unsere Hörerfahrungen heraus und bereichern sie – in einer musikalisch-dichterischen Symbiose wie noch nie die letzten 250 Jahre.

Ausführliche Projektbschreibung:

Die Beiden sind sich nie begegnet, obwohl sie wie Hegel im selben Jahr 1770 geboren sind: Beethoven und Hölderlin. Und dennoch verbindet sie mehr, als uns heute bewusst ist: ihre Arbeitsweise am musikalisch-sprachlichen Material. Ihre unzähligen Skizzenblätter und Konvolute legen beredtes Zeugnis von ihrem Ringen nach formaler Perfektion ab. Dafür perspektivieren sie Töne, Rhythmen und Motive in Musik wie Sprache unter vielfältigen formalen Bedingungen. Beide treiben die Kunst der ‘Com-position’ im eigentlichen Sinn des Wortes auf die Spitze.

So nah waren sich Beethoven und Hölderlin noch nie wie in diesem performativen Vermittlungs- projekt in der Kombination akustisch-visueller und musikalisch-sprachlicher Immersion. Theoretisch sind die Kombinationsmöglichkeiten zwischen Beethovens und Hölderlins Werken beliebig. Doch sinnlich nachvollziehbare Verdeutlichung erhält man mit größter Wahrscheinlichkeit nur in einer Konstellation: in der Kombination von Beethovens polyphonen Opus Summum, der Grossen Fuge op. 133, und von Hölderlins Zyklus auf dem Scheitelpunkt seines Schaffens zwischen metrischer Bindung und eigenrhythmischem Selbstvollzug, den Nachtgesängen. Beethovens Werk war ursprünglich als Finalsatz für das Streichquartett Nr. 13 op. 130 geplant, wurde aber dieser Funktion enthoben und erhielt eine eigene Opuszahl, weil es offenbar sowohl Publikum als auch Interpreten überforderte. Und Hölderlins Nachtgesänge wurden zwar als durchstrukturierter Zyklus publiziert, wurden aber kaum je integral rezitiert, obwohl der sprachliche Klang vom fragenden Beginn («Wo bist du, Nachdenkliches?») bis zum antwortenden Schluss («an übrigem Orte») in ihrer rhythmisch- lautmalerischen Vielschichtigkeit diese Einheit einfordert.

In ihrer Großstruktur sind beide Werke formvollendet. Doch diese Perfektion erreichen sowohl Beethoven als auch Hölderlin nur dank ihrer fein ziselierten thematischen Arbeit am musikalischen und sprachlichen Material, dank Rhythmisierung im rhetorischen Gestus und in markierten Unterbrechungen. Um die Vermittlung für ein breites Publikum optimal zu gewährleisten, bieten wir ein zweiteiliges Konzert, in dem wir die Große Fuge zwar in unterschiedlicher Kombination, aber gleich zweimal spielen werden. Denn trotz der Kritik der Zeitgenossen hat Beethoven nie die Qualität dieses Werks in Zweifel gezogen. Im Gegenteil. Als ihm berichtet wurde, das Publikum habe als Zugabe die beiden mittleren Sätze (und eben nicht den Finalsatz) gefordert, ist Beethoven in seiner Wut aufgebraust und ärgerte sich mit deftigen Fluchwörtern über diese Ignoranz. Die Grosse Fuge allein habe es verdient, wiederholt zu werden.

In der ersten Hälfte des Konzerts erklären wir unter Hölderlins Motto «Wo bist du, Licht?» die spezifische sprachliche Kompositionsweise, markieren sie visuell und übertragen sie direkt auf Beethovens Große Fuge. Nach der Pause im zweiten Teil verschränken wir die beiden Werke so miteinander, dass ihre gegenseitige Unterbrechung die eigene Formvollendung in der Makrostruktur verdeutlicht und exponiert.

Teil I: «Wo bist du, Licht?»

Das Ziel der ersten Konzerthälfte besteht darin, die sprachlichen und musikalischen Eigenheiten auf eine Weise hervorzustreichen, die dem Publikum das Bewusstsein für ihre formale Einordnung und Gewichtung zu schärfen hilft. So rekonstruieren wir sowohl eine historische Hörhaltung zu Dichtung und Musik als auch den revolutionären, oder besser: postrevolutionären, Impetus der beiden Werke. Durch die Unterstützung von Visuals auf einer Großleinwand erklären wir Hölderlins Eigenheiten in den Nachtgesängen. Die visuelle Ausgestaltung, welche unter anderem auf das für 2020 entwickelte Projekt «Hölderlin: Sprache-wie-Kino» von Michael Engelhardt zurückgreift, wird während der Erklärung der Dichtung direkt auf die Motivik und Form der Großen Fuge übertragen. Diese bildet in ihrer integralen musikalischen Aufführung und entsprechend graphischen Unterlegung den Abschluss des ersten Teils. Wir zielen damit sowohl auf die mikrostrukturelle Ebene des musikalischen und dichterischen Duktus der Motive (1) sowie auf eine mittlere Ebene von «Temperaments»- und «Ton» wechsel, aber auch von Temperament- und Melodiekombination der musikalischen und dichterischen Mehrstimmigkeit (2), als auch auf die Makrostruktur, um die triadischen Form bei Hölderlin und die Sonaten(hauptsatz)form bei Beethoven einsichtig zu machen. Die verschiedenen Elemente werden in der Visualisierung derart einprägsam unterschieden, dass sie sich bei Beethoven, dessen Fuge integral zum Abschluss vor der Pause erklingt, geradezu aufdrängen.

1. Strukturparallel zur «Overtura» (Takte 1-25) der Großen Fuge werden in der längsten alkäischen Ode «Chiron» gleich zu Beginn sämtliche Motive vorgestellt – so auch die leitmotivische Frage «wo bist du, Licht?», welche bei Beethoven – natürlich nur implizit – ebenso anklingt:

Auf der mikrostrukturellen Ebene arbeitet Hölderlin wie Beethoven rhythmisch und klanglich die Motive prägnant heraus, indem sie – wie in diesem Beispiel – auf zwei kurze i-Vokale zu liegen kommen, während die langen dunklen o und u beinahe verschwinden. Die Frage nach dem Ort des Lichts wird innerhalb des Zyklus weiterentwickelt und blitzt wieder in den Fragen auf «was schläfst du», «wo nehm’ ich», «was seid ihr». Damit durchzieht den ganzen Zyklus auf mikroformaler Ebene eine semantische Grundschicht bis zur Verortung am Ende der Nachtgesänge.

Als Kontrapunkt dazu schleicht sich das anfangs sehr häufig auftretende «Du», die Ansprache eines Gegenübers in einer konkreten Kommunikationssituation, langsam aus. In den letzten drei Gedichten, welche die anfängliche Odenform verlassen haben, verschwindet dieser kommunikative Rahmen gänzlich. Die gezielte Setzung mikrostruktureller Elemente im Gesamtzyklus hält diesen wie ein Gerüst zusammen. Beethoven operiert noch konsequenter – wahrscheinlich auch, weil er mit der Musik nicht direkt eine Semantik evozieren kann und die mikroformale Ebene noch mehr von einer mittleren Ebene der Mehrstimmigkeit abhängt.

2. So treten bei Beethoven keine Melodien und keine Phrasen auf, welche nicht immer einem Temperament der antiken Humoralpathologie zuzuordnen wären. Jede Stimme wird entweder von einem Choleriker, Sanguiniker, Phlegmatiker oder Melancholiker geführt und in der vierstimmigen Fuge in jeder möglichen Variation kombiniert. Die Neuinstrumentierung und Bearbeitung von Matthias Arter zielt in erster Linie auf die Verdeutlichung dieser Temperamente und ihrer sprachähnlichen, rhetorischischen Umsetzung. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Stimmen in der Fuge entspricht bei Hölderlin der ideellen Gleichzeitigkeit seiner «Töne». Ohne diese komplizierte Lehre en détail erklären zu müssen, konzentrieren wir uns in unserer Präsentation auf die Stellen des Unterbruchs, der Zäsur, wo sich der Dichter immer wieder seiner selbst besinnt.

Teil II: Fuge verfugt

Der zweite Teil der Veranstaltung konzentriert sich auf die reine akustische Umsetzung in der direkten Verschränkung der beiden Werke. Dank der reflektierten Setzung der mikro- und mesostrukturellen Elemente bilden sowohl die Große Fuge als auch die Nachtgesänge eine perfekte Makrostruktur. Bei Hölderlin ist grundsätzlich die Dreiheit strukturbildend: Die Odenstrophe – bestehend aus zwei rhythmisch identischen Anläufen und einer längeren ausklingenden Periode oder die drei «Töne» oder die triadische Form des Gesamtzyklus – bestehend aus drei mal drei Gedichten. In der Großen Fuge ist es die Zahl vier: die konsequente Vierstimmigkeit, die vier Temperamente und die Vierteiligkeit sowohl der Sonatenhauptsatzform als auch der gesamten Sonate, die hier als «perfekteste Form» (Claus-Steffen Mahnkopf) zusammengedacht werden.

Werden somit beide Werke ineinander verfugt, indem die Große Fuge den Rahmen bildet und die Nachtgesänge in die drei Zwischenräume eingelassen werden, steigert sich die Perfektion in insgesamt sieben Teilen – wie unten tabellarisch dargestellt. So gewinnen die beiden formvollendeten Werke in direkter Konfrontation miteinander eine einmalige und noch nie dagewesene Klarheit. Die Vierteiligkeit der doppelten Sonatenform der Großen Fuge integriert Hölderlins triadische Form. Beethovens Werk behauptet seine Eigenständigkeit in der doppelten Verschränkung von klar unterteiltem Sonatenzyklus und Sonatenhauptsatzform. Hölderlins Nachtgesänge wiederum erhalten erst ihre deutliche triadische Struktur durch die musikalische Unterbrechung nach jeweils drei Gedichten:

Folgt nach dem ersten Teil der Fuge (1) die erste Trias der drei Oden der Nachtgesänge (2), hat sich der Zuhörer / die Zuhörerin bereits auf das ganze Material eingelassen. Umso spannender wird das Spiel der weiteren Verfugungen und Perspektivierungen: So findet der langsame Satz (3) seine Entsprechung in der zweiten Triade (4), in deren Mitte – und damit auch in der Mitte des gesamten Gedichtzyklus – die gesetzte zäsurreiche asklepiadeische Ode «Blödigkeit» steht (ein Ausdruck, der nicht der heutigen Bedeutung entspricht, sondern «Fadenscheinigkeit» des Stoffes meint und damit die strukturelle Klarheit direkt benennt).

«Ganymed» endet am Schluss der gebundenen Gedichte mit der Ankündigung vom «himmlisch Gespräch» und mündet in den wildesten Teil bei Beethoven, in die Transformation des musikalischen Materials in der Durchführung (5). Darauf die drei eigenrhythmischen Gedichte (6) – beginnend mit Hölderlins wohl bekanntesten Gedicht «Hälfte des Lebens» und fein durchsetzt mit den fernen Klängen aus der musikalischen Überleitung hin zum Rondo (7) mit seiner für eine Fuge höchst ungewöhnlichen Leichtigkeit, welche Dichtung und Musik gleichermaßen transzendiert, ganz im ebenbürtigen Sinne Beethovens und Hölderlins zugleich. Und so ganz beiläufig kommt Beethoven zu seiner gewünschten Zugabe.

Arrangement, Performance und Visuals

Konzipiert wird dieses Konzert samt Einführung von Boris Previšić, Musiker und Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Luzern sowie Autor der Dissertation Hölderlins Rhythmus (2008), in Zusammenarbeit mit Michael Engelhardt, Schauspieler und gegenwärtig begnadetster Sprecher und Kenner von Hölderlins Dichtung. Nicht nur weiß Engelhardt aufgrund langjähriger ausschließlicher Konzentration auf Hölderlin um Hölderlins Vielstimmigkeit und Wechsel der Töne, sondern setzt sie in unterschiedlichsten medialen Settings wie Metriklabor oder Kino um.

Neu arrangiert wird Beethovens Große Fuge von Matthias Arter, der als ausgewiesener Spezialist der Neuen und Alten Musik, als Komponist und Bearbeiter weiterer klassischer, international aufgeführter Werke Strukturen hör- und erfahrbar und Klänge zum Erlebnis macht, indem er die Dichtung zum Atmen bringt. Die neue Instrumentierung Arters vergrößert neben Violine, Viola und Violoncello mit Piccolo und Kontrabass den Ambitus und mit den weiteren Blasinstrumenten Oboe (samt Musette und Englischhorn) und Klarinette (bis zur Kontrabassklarinette) die Registrierungsmöglichkeiten. Damit sprengt Beethovens Große Fuge die Hörgewohnheiten und zielt in Kontrast zu Hölderlins Nachtgesängen auf das intuitive Verständnis musikalischer Sprachlichkeit und dichterischer Klanglichkeit im Kleinen wie im Großen.

Für die Visuals konnten zwei Experten eingebunden werden: Stephen Malinowski verschreibt sich schon seit Jahren ganz der visuellen Vermittlung von Musik. Dank seinen Entwicklungen und Veröffentlichungen können wir auf einen grossen Fundus an vorgegebenem Material zurückgreifen, das in seiner Basis open-source rechtefrei bereitgestellt wird. Stefan Fuchs kann wie kein anderer uns Bekannterdieses Material aufgreifen, im engen Austausch mit uns sowie ganz auf unsere Bedürfnisse ausgerichtet weiterentwickeln und genau ausarbeiten. In den statischen Hölderlin-Visuals können wir so zeigen, wie sich stilbildende Elemente auf verschiedenen Ebenen herausbilden, wie sie klingen, auf sie zeigen und sie nachsprechen; in den dynamischen Beethoven-Visuals wiederum wird die Magie der Performanz visualisiert natürlich für den optimalen Wiedererkennungseffekt mit den identischen optischen Figuren wie bei Hölderlin.

BTHVN-HLDRLN 2020, Große Fuge | Nachtgesänge

Erstaufführung: 27./30. August 2020, Lucerne Festival

Michael Engelhardt, Rezitation

pre-art soloists
Boris Previšić, Flöte | Matthias Arter, Oboe | Azra Ramić, Klarinette | Julia Schröder, Violine | Lea Boesch, Viola | Tobias Moster, Violoncello | Aleksander Gabrys, Kontrabass

Teil I: «Wo bist du, Licht?» (Dauer ca. 40 Minuten)
Sprachlich-visuelle Darstellung der Nachtgesänge (Konzept Michael Engelhardt und Boris Previšić) , Aufführung der Grossen Fuge (arr. Matthias Arter)

Teil II: Fuge verfugt (Dauer ca. 45 Minuten)
Rezitation der 3 Zyklen der Nachtgesänge, im Wechsel mit den vier Teilen der Grossen Fuge, und dergestalt zu einem 7-teiligen Gesamtkunstwerk «zusammengefugt»

Eine Koproduktion von pre-art und dem Lucerne Festival

Stand: 28.9.2019-MA. Änderungen vorbehalten